Kevin B. Lee, der Desktopperformateur

Lee lieferte gestern Abend eine astreine Darstellung von dem ab, was es momentan im hybriden Bewegtbild mit kritischem Potential gibt. Es ging ihm nicht um Definitionen, aber um eine Zukunftsgewandtheit, weniger um Genres, aber verstärkt um das Explorative, um den Versuch.

Lee bei seiner Transformers-Lecture Performance in der GFZK Leipzig

Wer gestern nicht dabei sein konnte, der hat am 30.5. erneut dazu die Möglichkeit. Die Merzakademie widmet dem Videoessay eine komplette Reihe, welche jedoch mehr auf das filmkritische Potential des Videoessays eingeht >>> LINK

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Konstellation vs. Konfiguration?

Die Idee von Konstellation und Konfiguration durchzieht das gesamte Werk Adornos: Beginnend mit seiner Antrittsvorlesung Die Aktualitäten der Philosophie und den Thesen über die Sprache der Philosophie aus den frühen dreißiger Jahre bis hin zur Negativen Dialektik und endend mit den Nachschriften zu der nicht mehr vollendeten Ästhetischen Theorie, ist das Schreiben von und in Konstellationen und Konfigurationen ein, wenn nicht das Leitmotiv Adornos.

Wittgenstein, Ludwig

Konstellation und Konfiguration werden von Adorno als Synonyme gebraucht, auch wenn in einem neueren Philosophie-Lexikon der Begriff der Konfiguration umstandslos Wittgenstein zugewiesen, der der Konstellation dagegen Adorno zugeordnet wird. Ansonsten wechseln sich die Begriffe bei Adorno bruchlos ab. Wie in Die Aktualität der Philosophie noch von ›Konstellation‹ – oder Versuchsanordnung – die Rede war, so spricht er in den Thesen über die Sprache von ›Konfiguration‹. Hier, vor allem in den Thesen sechs bis neun versucht Adorno das Problem zu umreißen. Auf der Grundlage der Einsicht, daß sich die Philosophie weder bruchlos an alte Begriffe binden oder sich an diesen abzuarbeiten habe, auf diese aber notwendig verwiesen bleibt, weil sie sich nicht einfach neue her- und hinstellen kann, entwickelt Adorno als Alternative die Konzeption der ›Konfiguration‹:

Die herkömmliche Terminologie, und wäre sie zertrümmert, ist zu bewahren, und neue Worte des Philosophen bilden sich heute allein aus der Veränderung der Konfiguration der Worte, die in Geschichte stehen, nicht durch Erfindung einer Sprache.

Unter K. versteht Wittgenstein das Eingebundensein der unteilbaren Gegenstände in einen Sachverhalt […] Lit.: L. Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus.“

Mehr als nur Ein Versuch einer essayistischen Installation: Assemblages

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Interaktive Installation von „Milles Plateaus“ von Pascal Dusapin

(2014)Assemblages ist ein audiovisuelles Forschungsprojekt uber Félix Guattari und seine revolutionäre psychiatrische Praxis, sein politisches Engagement, seine Vorstellungen über ecosophy” und sein Interesse am Animismus – vor allem im brasilianischen und japanischen Kontext. Jeder Bildschirm verstärkt eine Sinnesmodalitat: Sehen, Hören, Lesen. Die Montage des archivierten Materials spiegelt Guattari’s Begriff der „Assemblage“, der sich als Hauptthema durch die gesamte Installation zieht. LINK

Der Begriff stammt aus dem bahnbrechendem Buch „Tausend Plateaus“ von 1980, welches Guattari gemeinsam mit Gilles Deleuze veröffentlicht hat. Als einst an der HGB der geniale Marc Ries die Philosophie lehrte, sprang er beim Deleuze-Seminar auf den Tisch. Nur so war es ihm möglich, den bestechenden Gehalt dieses Buchs entsprechend seiner eigenen Begeisterung zu verdeutlichen. Zurecht!

Zugegeben, das Buch ist etwas sperrig, man liest es nicht mal eben so. Es ist komplex, vielschichtig im wahrsten Sinne des Wortes, denn es geht um ein neues Verständnis von hierarchischen Strukturen. Auch wenn es als sozialwissenschaftliches Werk gehandelt wird: es ist Philosophie! Wer dieses Buch verinnerlicht, begibt sich auf einen Weg der neuen Wahrnehmung: ein baumartigen Denkansatz tut sich auf! Anstatt bi-univoke Beziehungen in der Welt hinzunehmen, bieten die beiden Autoren eine „rhizomatischen“ Beklimmung der Weltanschauung. Die einzelnen Schichten bzw. das Zusammenwirken dieser, lassen sich nur in Form einer Karte bzw. im Sinne von Landkarte darstellen und denken. In den „Tausend Plateaus“ zeigen die beiden anhand von mehreren, voneinander unabhängig lesbaren Kapiteln (Plateaus), wie disparaten Themen aus Biologie, Politik und Kunst begegnet werden soll bzw. wie man bei Erstellung der Karten vorgehen könnte.

Zurück zum Begriff „Assemblage“:

Es geht nicht um eine Anreicherung von Homogenem, sondern vielmehr um eine Ansammlungen von Gleichartigem, um ein mögliches bzw. zufälliges Zusammenstellen von Praktiken und Dinglichkeiten, zwischen denen differenziert werden kann (und) die entlang den Achsen von Territorialität und Entterritorialisierung ausgerichtet werden müssen. 

Ging es hin und wieder um das Dritte Bild, um die neue Bedeutung (Arnold Hauser, Roland Barthes, Minh-hà, Adorno), so geht es auch hier darum, neue Räume zu erschließen, indem Milieus dechiffriert und neu kodiert werden.

Digitale Amnesie. Zur Historisierung des Videoessays

Der Filmwissenschaftler Volker Pantenburg erörterte 2016 im Rahmen einer Veranstaltung der AG Filmwissenschaft anhand von drei Punkten, weshalb es nicht mit unerheblichem Aufwand verbunden ist, den Videoessay eine geschichtliche Perspektive wissenschaftlich abzugewinnen.

[… ]In der Konsequenz heißt dies aber auch, dass jede historisierende Perspektive davon bestimmt ist, welche Arbeiten aus der Vergangenheit kanonisiert genug sind, um digital vorzuliegen. Erst kürzlich wurde, anlässlich der Eröffnung des neuen Arsenal-Archivs in Berlin, erneut darauf hingewiesen, dass aus der Gesamtmenge existierender Filme nur ca. 5% digitalisiert sind.[… ]

Volker Pantenburg: Digitale Amnesie. Zur Historisierung des Videoessays, in AG Frilmwissenschaft, LINK

Dedications, von Peter Liechti

«Wenn ich an den Film denke, der im Atelier auf mich wartet, so kommt er mir tausend Mal wirklicher vor als alles, was es da zu sehen gibt vom Spitalfenster aus. Die Bilder werden sich immer mehr überschneiden. Sie erzeugen eine neue Vision von dem, was mich künstlerisch noch etwas angeht. Ob ich das Tempo mithalten kann, ist die andere Frage.»

Tagebuchnotiz von Peter Liechti, März 2014

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LINK

Rohmer in Paris, von Richard Misek

Richard Misek (University of Kent)  selbst nennt seine Arbeit aus dem Jahre 2013 eine „historische Fiktion“. Eine cinephile Assemblage von Parisaufnahmen, aus der Sicht von Eric Rohmer. Eine Voice-over-Stimme führt den Zuschauer durch den Film, der einer famosen Hommage an den Großmeister der Nouvelle Vague gleichkommt.

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Per Zufall entdeckt sich Misek im Film „Rendezvous in Paris“ (1995) beim Überqueren Straße in Montmartre. Daraufhin sichtet er wie besessen sämtliche Werke Rohmers. Der französische Regisseur gehörte zu Paris, so wie seine Filme untrennbar von der Metropole sind. Diese Obsession spiegelt sich in der Machart der Filme wieder sowie auf die Empfindungen und das Verhalten der Protagonisten.

Misek montiert eine komplexe Matrix aus Pfaden und Kreuzungen, lässt die Einstellungen mal lang, mal kurz einander kollidieren, nein, das ist ganz falsch, synthetisieren. Das fragmentale Ergebnis lässt Rohmers Wirken in einer neuen Rezeptionsart erscheinen, deren Mehrwert eher ein filmpsychologischer als ein filmhistorischer sein dürfte.

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Vom Versuch als Ergebnis: Roman Signer

»Ich habe schon wochenlang gearbeitet, und es hat nichts dabei herausgeschaut. Das hat mir überhaupt nichts ausgemacht. Ich liebe den Versuch, und der Versuch hat auch die Möglichkeit des Scheiterns in sich – eine grossartige Freiheit! Die Natur manifestiert sich auch wenns misslingt – es will halt so …« R.S.

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Seine lange Freundschaft zu Peter Liechti (der Film von Liechti namens Signer’s Koffer lief 2013 auf dem DOK Leipzig: LINK) basierte u.a. auf ein tief geteiltes Verständnis davon, den Versuch mit all seinen Risiken nicht als Problematik zu betrachten, sondern vielmehr als einen dynamischen Antrieb der kreativen Entfaltung. Der Fehler bzw. das Scheitern: eine hinnehmbare Seitenerscheinung einer absoluten Freiheit.

Spricht Werner Herzog in Tokyo Ga von Wim Wenders über eine „beleidigte Landschaft“, derer man sich als Filmemacher zu entledigen hat, indem man neue Bilder einfängt, so ist es bei Signer die Erwartungshaltung des Betrachters, die möglicherweise enttäuscht werden wird. Umgangen wird dies über die Komik, doch enthält der Film von Peter Liechti sehr viel mehr als nur Klamauk. Es ist ein Portrait ganz nah am Menschen Signer, dessen Persönlichkeit eins zu eins in die Werke übertragen ist. Die Reflexion wird vollzogen durch die Ausführung; und zwar explizit in diesem Moment. Signer verwendet sich selbst als Material des Ausdrucks und der Vergegenwärtigung. Ein großartiger Künstler mit Scharfsinn genau dort, wo dieser unerwartbar zu sein scheint: nämlich just an der Kante zum Unsinn.